Kälbergrippe vermeiden: Tipps für gesunde Kälber im Bio-Milchviehbetrieb

Ein Kalb mit Husten, Nasenausfluss oder Fieber – gerade in der kalten Jahreszeit kommt das auf vielen Milchviehbetrieben immer wieder vor. Kälbergrippe gehört zu den häufigsten Gesundheitsproblemen in der Aufzuchtphase.

12 März 2026

Was dabei leicht übersehen wird: Die Folgen zeigen sich oft nicht nur im Kälberstall, sondern begleiten das Tier unter Umständen ein Leben lang.

Im Naturland Podcast WIR BIO-BAUERN spricht Gastgeberin Celine Grau mit Eike Thomsen, Bio-Milchviehbäuerin und Milchviehberaterin bei Naturland in Schleswig-Holstein, darüber, warum Kälbergrippe entsteht – und welche Stellschrauben Betriebe selbst beeinflussen können.

Warum Kälbergrippe langfristige Folgen haben kann

Die Erkrankung betrifft in erster Linie die Atemwege und die Lunge der Kälber. Gerade in der frühen Lebensphase kann eine Erkrankung dauerhafte Auswirkungen haben.

Der Grund:
Die Lunge von Kälbern ist im Verhältnis zum Körper relativ klein. Wird sie im jungen Alter geschädigt, bleibt die Leistungsfähigkeit des Tieres häufig dauerhaft eingeschränkt.

Das kann später zu Problemen führen wie:

  • geringerer Leistungsfähigkeit als Milchkuh

  • höhere Krankheitsanfälligkeit

  • schlechtere Entwicklung in der Aufzucht

Deshalb ist es entscheidend, Erkrankungen möglichst früh zu erkennen – und vor allem vorzubeugen.

Früh erkennen: Kleine Veränderungen im Verhalten

Typische Symptome wie Husten, Nasenausfluss oder Fieber sind vielen Landwirten vertraut.

Doch laut Eike Thomsen zeigen sich erste Hinweise oft deutlich früher – und deutlich unscheinbarer.

Häufig sind es kleine Veränderungen im Verhalten der Tiere:

  • fehlendes „Ohrenspiel“

  • das Kalb wirkt ruhiger als sonst

  • es steht langsamer auf

  • weniger Aktivität in der Gruppe

  • geringere Tränkeaufnahme

Ein hilfreicher Trick aus der Praxis ist der Vergleich innerhalb der Gruppe. Wenn ein Kalb deutlich weniger aktiv wirkt als die anderen, lohnt sich ein genauer Blick.

Die ersten Lebenswochen sind besonders kritisch

Viele Atemwegserkrankungen treten zwischen der ersten und vierten Lebenswoche auf.

In dieser Phase treffen mehrere Faktoren zusammen:

  • Umstallung oder Gruppenhaltung

  • Anpassung an neue Umweltbedingungen

  • Entwicklung des eigenen Immunsystems

Ein entscheidender Faktor in dieser frühen Phase ist laut Eike Thomsen die Kolostrumversorgung direkt nach der Geburt.

Kolostrum: Grundlage für ein starkes Immunsystem

Kälber werden ohne eigene Immunabwehr geboren. Die nötigen Antikörper erhalten sie erst über das Kolostrum.

Deshalb gilt: Je früher und je mehr hochwertiges Kolostrum aufgenommen wird, desto besser ist der Start ins Leben.

Viele Betriebe orientieren sich an folgenden Richtwerten:

  • möglichst 4 Liter Kolostrum in den ersten Lebensstunden

  • Aufnahme möglichst innerhalb der ersten 6 Stunden

  • hohe Kolostrumqualität sicherstellen

Zur Kontrolle der Qualität können zum Beispiel genutzt werden:

  • ein Refraktometer (Brix-Wert)

  • Colostroballs

Für Eike Thomsen ist die Kolostrumversorgung einer der wichtigsten Bausteine, um Atemwegserkrankungen im späteren Verlauf vorzubeugen.

Stallklima: Frische Luft ohne Zugluft

Neben der Versorgung spielt auch das Stallklima eine zentrale Rolle.

Problematisch sind vor allem:

  • Zugluft

  • hohe Luftfeuchtigkeit

  • feuchte Einstreu

  • schlechte Luftzirkulation

Gerade in älteren Stallgebäuden können sich solche Probleme leicht einschleichen. In vielen Betrieben haben sich deshalb geschützte Kälbernester bewährt – Bereiche, in denen Kälber zugfrei liegen können.

Auch Kälberiglus werden häufig eingesetzt. Sie sorgen für frische Luft, ein stabiles Mikroklima und eine klare Trennung zwischen Tiergruppen.

Trockenes Stroh als wichtiger Gesundheitsfaktor

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Einstreu.

Feuchtes Stroh kann schnell zu einem Keimherd werden. Deshalb sollte ausreichend eingestreut werden, sodass Kälber ein isolierendes Nest bilden können.

Ein praktischer Orientierungspunkt ist der sogenannte Nesting-Score:
Die Beine des Kalbes sollten vollständig im Stroh verschwinden können. So entsteht ein isolierendes Nest, das Wärme speichert.

Für viele Betriebe bedeutet das auch: Beim Stroh sollte in der Kälberaufzucht nicht gespart werden.

Kälberdecken: Unterstützung bei niedrigen Temperaturen

Kälber reagieren empfindlich auf niedrige Temperaturen. Wenn es zu kalt wird, verbrauchen sie Energie für die Wärmeproduktion – Energie, die eigentlich für Wachstum gebraucht wird.

Viele Betriebe setzen deshalb in der kalten Jahreszeit auf Kälberdecken.

Diese werden häufig eingesetzt:

  • ab Herbst bis ins Frühjahr

  • besonders in den ersten vier Lebenswochen

So können Kälber ihre Energie stärker in Wachstum und Entwicklung investieren.

Hygiene im Alltag: Der Mensch als Keimüberträger

Ein Faktor wird im Alltag oft unterschätzt: der Mensch selbst.

Keime können leicht übertragen werden über:

  • Hände

  • Kleidung

  • Stiefel

  • Arbeitsgeräte

Besonders beim Wechsel zwischen Kuhstall und Kälberstall werden Krankheitserreger schnell verschleppt.

Praktische Maßnahmen sind zum Beispiel:

  • separate Stiefel für den Kälberbereich

  • Handschuhe beim Tränken

  • gründliche Reinigung von Nuckeleimern

  • regelmäßige Reinigung von Tränkesystemen

Auch Geräte wie Kälbertaxis sollten täglich gereinigt werden.

Wasser und Futter: Grundlage für stabile Kälber

Neben Milch und Kolostrum spielt auch die weitere Versorgung eine Rolle.

Wichtige Punkte sind:

  • Wasser ab dem ersten Lebenstag anbieten

  • früh hochwertiges Heu bereitstellen

  • saubere Futterstellen

Gerade Wasser wird laut Eike Thomsen häufig unterschätzt – dabei ist es eines der wichtigsten und gleichzeitig günstigsten Futtermittel im Stall.

Gesunde Kälber sind die Grundlage für stabile Milchviehherden

Die Aufzuchtphase entscheidet über die spätere Entwicklung der Tiere.

Probleme im Kälberalter können sich noch Jahre später bemerkbar machen – etwa durch geringere Leistungsfähigkeit oder höhere Krankheitsanfälligkeit.

Deshalb lohnt es sich, die wichtigsten Stellschrauben regelmäßig zu überprüfen:

  • Kolostrumversorgung

  • Stallklima

  • Hygiene

  • Fütterung

  • Tierbeobachtung

Oft sind es nicht einzelne Ursachen, sondern mehrere Faktoren, die zusammenkommen.
Wer diese Bereiche konsequent im Blick behält, kann das Risiko für Kälbergrippe deutlich reduzieren.

 

🎧 Mehr Praxistipps zur Kälbergesundheit findest du in der vollständigen Podcast-Folge mit Eike Thomsen.

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